Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

 

 

 

 

irgendwie leben wir schon in einer verrückten Welt. Vieles ist heute ganz anders, als man sich das noch vor zehn, zwanzig Jahren auch nur vorstellen konnte. So hat eine Untersuchung erst kürzlich gezeigt, dass sich etwa ein Drittel der Frauen und Männer, die heute die Ehe schließen, über das Internet kennengelernt haben.
Und überhaupt spielt die digitale Welt eine enorme Rolle: Wo man sich früher treffen musste oder zumindest zum Telefonhörer greifen musste, um sich zu unterhalten, da kommt man heute in Sekundenbruchteilen per Chat zusammen. Und selbst Bilder und Filmchen, direkt mit dem Smartphone aufgenommen, lassen sich sofort weiter versenden an beliebig viele Freunde und Bekannte: „Was isst Du gerade zu Mittag?“ - Und schon kommt das Foto, das alles zeigt, was auf dem Tisch steht.
Jugendliche und sogar die meisten Erwachsenen können es sich heutzutage praktisch gar nicht mehr leisten, nicht dabei zu sein zumindest bei dem einen oder anderen der Dienste wie „WhatsApp“, „Facebook“, „Instagram“ oder „Twitter“.

 

Goetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Internet spielt eine immer größere Rolle
Selbst der amerikanische Präsident pflegt seine wichtigen Entscheidungen tagtäglich über Twitter kund zu tun. Dort hat alleine Donald Trump derzeit über 54 Millionen „Follower“, also Menschen, die seine Twitter-Botschaften verfolgen und sie sofort lesen können, sobald er sie abgesetzt hat. In Deutschland ist übrigens Rekordhalter in dieser Hinsicht der Fußballspieler Mesut Özil mit mehr als 23 Millionen Followern.
Nach neuesten Zahlen werden alleine auf Twitter insgesamt 500 Millionen „Tweets“ versendet – jeden Tag! Also 500 Millionen Nachrichten, die jeden Tag irgendjemand abschickt. Auf dem Videokanal „YouTube“ werden 4,3 Millionen Videos angeschaut – jede Minute! Alleine auf Instagram werden fast 4 Milliarden „Likes“ vergeben, also ein „Gefällt mir“ - jeden Tag! Zugleich werden dort 40 Milliarden Bilder geteilt – auch jeden Tag.

Im Internet ist vieles auf raffinierte Weise manipuliert
Das, was „Wirklichkeit“ ist – oder jedenfalls, was für „Wirklichkeit“ gehalten wird - hat sich ein ganzes Stück weit ins Internet verlagert. Da ist es kein Wunder, dass dort auch in ganz hohem Maße Werbung verbreitet wird. Dabei geht es aber nicht nur um Werbeanzeigen und um Werbefilme, wie sie auch sonst in der Zeitung oder im Fernsehen zu sehen sind. Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind hier nämlich vielfältiger. So gibt es mittlerweile eine ganze Menge von „Influencern“, also von jungen Menschen, die gerade bei ihren Altersgenossen als „hip“ gelten, von denen sich deshalb Millionen von Menschen „Ratschläge“ geben lassen, beispielsweise im Hinblick auf ihre Kleidung: Welche Marke ist wirklich „cool“? Welchen Pullover muss man in diesem Winter tragen, um „up to date“ zu sein? Die erfolgreichsten dieser Influencer können in Deutschland etwa für ein Bild, auf dem sie mit einer bestimmten Tasche zu sehen sind, bis zu 30.000 Euro verlangen. Da erstaunt es nicht, dass die erfolgreichsten dieser Influencer in unserem Land auf ein Jahreseinkommen von über einer Million Euro kommen.

Viele Äußerungen im Internet stammen nicht von Menschen, sondern von Computerprogrammen
Die Einflussnahme über die Plattformen im Internet ist aber noch viel subtiler und raffinierter. Und sie spielt auch im Bereich der Politik eine immer größere Rolle. So gibt es mittlerweile „Social Bots“. Das sind Computerprogramme, die so funktionieren, dass sie beispielsweise auf Nachrichten entsprechend einprogrammierter Personen hin zustimmende Kommentare verschicken. Oder auf Äußerungen anderer Personen hin eben ablehnende Kommentare. Das müssen also gar nicht mehr wirkliche Menschen tun. Vielmehr muss der Computer nur „richtig“ programmiert sein. Und übrigens funktionieren genauso auch viele bezahlpflichtige Programme im Internet, über die Menschen Kontakte zum anderen Geschlecht suchen: Mit wem sie da „chatten“ - also sich unterhalten – ist, ohne dass sie es merken, ein Computerprogramm. So wird Menschen das Geld aus der Tasche gezogen.
Natürlich werden nicht nur ausformulierte Stellungnahmen durch solche „Social Bots“ ausgestreut, die dazu da sind, die allgemeine Stimmung zu beeinflussen. Oft werden dafür auch „gehackte“ - also „gekaperte“ - E-mail-Adressen verwendet, bei denen es ihr Besitzer überhaupt nicht mitbekommt, dass in seinem Namen irgendwelche Nachrichten versandt werden. Das alles ist aber schon die eher „anspruchsvollere“ Art und Weise der Beeinflussung und Manipulation.
Die einfacheren Varianten beginnen damit, dass für irgendwelche Seiten im Internet oder für irgendwelche Äußerungen „Likes“ generiert und versandt werden. Wenn man viele „Likes“ hat, dann erweckt das ja den Eindruck, dass hier ein bedeutender Mensch etwas Richtiges und Wichtiges gesagt hat, dem man eigentlich selber auch zustimmen müsste. Außerdem wird die pure Anzahl der Reaktionen erhöht. Je mehr Reaktionen auf eine Internetseite es aber gibt, desto höher wird sie von den Suchmaschinen bewertet. Sie steigt nach oben bei den Vorschlägen, die eine Internetsuchmaschine macht, wenn ein bestimmtes Stichwort eingegeben wird. Und damit wird es auch wahrscheinlicher, dass „echte“ Menschen die Seite anklicken.
Und auch bei der Zahl der Follower auf Instagram, Twitter oder Facebook wird kräftig manipuliert. Denn auch hier wieder: Je mehr Follower jemand hat, desto wichtiger muss er sein – und desto wichtiger wird er auch von „echten“ Menschen genommen. Und mit ihm natürlich auch das, was er sagt.

Freunde, Follower und Likes kann man kaufen
Es gibt eine ganze Menge Firmen, die alle diese „Arbeiten“ - man könnte auch sagen: Manipulationen - für ihre Kunden übernehmen, egal, ob es um die Werbung für ein Produkt geht oder um politische Beeinflussung.
Aber nicht nur kommerzielle Kunden und politische Gruppierungen sind an solcher Beeinflussung interessiert: Wer mit einem eigenen YouTube-Kanal beginnt oder ein Konto bei Facebook, Twitter oder Instagram anlegt, der ist daran interessiert, dass er möglichst schnell möglichst viele Likes bekommt oder möglichst viele Follower und „Freunde“ hat. Nicht unbedingt aus kommerziellen Gründen oder um (gesellschafts-)politisch Einfluss zu nehmen. Vielmehr geht es da oft auch um persönliche Eitelkeit: „Schaut her: Schon nach ein paar Stunden habe ich für meine Äußerung soundsoviele Likes bekommen. Innerhalb weniger Tage habe ich schon soundsoviele Follower auf Twitter eingesammelt oder soundsoviele ‚Freunde‘“, wie das Gegenstück auf Facebook heißt.
Das Geschäft floriert: Alleine in einem Kaufhaus in Moskau kann man 80 Instagram-Likes für 80 Cent erwerben, die dann an die entsprechende Internetseite geschickt werden. 100 Follower kosten das Doppelte. Deutsche (Qualitäts-)Firmen, die den Betrug besser tarnen, sind etwas teurer: 100 Instagram-Follower 3,85 Euro, 1000 Instagram-Likes 8,95 Euro, 100 Internationale Facebook-Likes 3,99 Euro, zehn Facebook-Kommentare 6,49 Euro, 25 „Tweets“ – also Rückmeldungen auf Twitter - 3,90 Euro usw.

Wir Menschen wollen wahrgenommen und geliebt werden
Interessant an all diesen Dingen ist nicht nur, wie leicht wir Menschen manipuliert werden können und wie leichtgläubig wir als wahr und wirklich ansehen, was über weite Strecken nur eine Scheinwelt ist. Interessant ist vielmehr auch, wie viel wir Menschen einsetzen, um gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden, wichtig genommen zu werden. Steht dahinter nicht das Grundbedürfnis, das uns letztendlich alle antreibt, und das uns unser Schöpfer aus gutem Grund mit auf den Weg gegeben hat, nämlich: das Bedürfnis, angenommen und geliebt zu sein?
Wie viele verführt das dazu zu meinen, sie seien wichtig, geliebt und angenommen, wenn sie nur möglichst viele „Likes“ bekommen oder möglichst viele „Freunde“ und „Follower“ haben, zur Not eben auch unechte. Hauptsache, der Schein nach außen hin stimmt.
Dabei haben wir das alles überhaupt nicht nötig. Denn die Liebe dessen steht uns zur Verfügung, der alles und alle überhaupt erst gemacht hat, auch uns selber. Die Liebe dessen, der uns einlädt in seine ewige Welt, in der wir ganz eingehüllt sein werden in seine sichtbare Liebe zu uns und in unsere dann vollendete Liebe zueinander. All dies steht allen offen, die durch Taufe und lebendigen Glauben verbunden sind mit dem allmächtigen Gott.

Gerade in der Geburt Jesu wird Gottes Liebe zu uns sichtbar
Gottes Liebe zu uns ist an vielen Stellen konkret und sichtbar geworden: in den Zeichen, die Jesus, Gottes Sohn, damals getan hat, als er leibhaftig hier auf Erden gewesen ist. Dann vor allem auch darin, dass Jesus für uns gelitten hat und am Kreuz gestorben ist, eben: Damit der Weg für uns frei gemacht ist in Gottes ewige Liebe hinein. Und dann ist die Liebe unseres Gottes zu uns natürlich auch ganz greifbar und sichtbar geworden darin, dass Gottes Sohn als hilfloses, kleines Kind zu uns Menschen gekommen ist, geboren als das Kind armer Leute in einem schäbigen Stall, damals, vor mehr als zweitausend Jahren im Stall von Bethlehem.
Weil die Ursache für all dies die Liebe des allmächtigen Gottes zu uns Menschen ist, deshalb heißt es im Johannesevangelium:

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3,16)

 

 

 

An Weihnachten feiern wir die Liebe unseres Gottes zu uns
Auch wenn es manchmal in Vergessenheit zu geraten droht: Es sind nicht Geschenke und es ist nicht das gute Essen, es ist auch nicht eine oft künstliche rührselige Stimmung, sondern es ist viel Wichtigeres und es ist viel mehr, was wir an Weihnachten feiern, nämlich: die Liebe unseres Gottes zu uns, die uns am Ende rettet in die Ewigkeit hinein bei unserem Gott. Diese Liebe unseres Gottes gilt es wahrzunehmen – und vor allem auch anzunehmen und zu ergreifen. Denn nicht irgendwelche „Fake News“ - also Falschmeldungen – Scheinwahrheiten und Scheinwelten aus dem Internet werden uns froh machen, sondern alleine diese Liebe unseres Gottes.

So wünsche ich uns allen gesegnete Advents- und Weihnachtstage, in denen wir gerade in unseren Gottesdiensten dieser Liebe unseres Gottes immer wieder inne werden und daraus Kraft und Lebensfreude schöpfen.

 

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Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vorwort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

E v a n g e l i s c h e    K i r c h e n g e m e i n d e    N i e f e r n